Kirill im Streichelzoo

Man muss Geschäfte nicht leer kaufen, um anderen eine Freude zu bereiten – auch wenn man zur Weihnachtszeit diesen Eindruck gewinnen mag. Dass es möglich ist, an Heiligabend glücklich zusammenzusitzen, ohne sich vorher durch einen Berg von Geschenken durchzuwühlen, beweist Familie Giuliani.

Es ist Heiligabend. Die Familie sitzt zusammen am großen Wohnzimmertisch und lässt sich das leckere Käse-Fondue munden. In der Ecke leuchtet der geschmückte Weihnachtsbaum, darunter liegen fünf kleine Päckchen, schön weihnachtlich verpackt. Aus den Boxen klingt leise Errol Browns „Family Christmas Time“. Die Stimmung ist fröhlich. Kurzum: Heiligabend wie bei den allermeisten anderen Familien auch – und doch nicht ganz, denn am Tisch sitzen nicht nur die Eltern, Tochter Julia und Sohn René, sondern auch der 11-jährige Kirill, ein weißrussisches Waisenkind.

Der Advent, die besinnliche Zeit, Weihnachten, das Fest der Liebe, der Familie und der Freude. So wünschen wir uns alle den letzten Monat im Jahr und doch bestimmen Stress und das Sich-den-Kopf-Zerbrechen, was man den Lieben wohl schenken soll, die vorweihnachtliche Zeit. Ruhe und Besinnung finden selten Platz.

Familie Giuliani unterstützt seit Jahren ehrenamtlich zwei weißrussische Kinderheime. Diese Waisenhäuser befinden sich in den Städten Novogrudoc und Volkowysk und beherbergen rund 80 Kinder, die meisten Voll- oder Sozialwaisen, viele körperlich beeinträchtigt oder chronisch krank. Es lässt sich in Worten schwer fassen, was diese Kinder in ihrem jungen Leben schon alles erfahren mussten. Ob Werktag oder Sonntag, ob Ostern oder Weihnachten, für die Heimkinder ist jeder Tag gleich, Monotonie bestimmt den Tagesrhythmus. „Wir haben uns innerhalb der Familie abgesprochen und waren uns sofort einig: Wenigstens einem dieser armen Kinder möchten wir zu Weihnachten eine Freude bereiten, indem wir das Kind für ein paar Wochen nach Südtirol holen“, erzählt Margot Giuliani.

„Da die Durchführung unseres Vorhabens neben Zeit auch einiges an Geld kostet, verzichten wir gerne auf Weihnachtsgeschenke. Lediglich ein kleines Päckchen bekommt jeder, damit der Gabentisch nicht vollends leer ist“, verrät Frau Giuliani. Materiell mag der Heiligabend bei der Südtiroler Gastfamilie spärlich ausfallen – aber der Freude tut das keinen Abbruch, ganz im Gegenteil: alle haben bei der Weihnachtsbescherung Tränen vor Rührung in den Augen.

„Unser erstes gemeinsames Weihnachtsfest mit Kirill werden wir nie vergessen“, erinnert sich Margot Giuliani. „Wie vom Blitz getroffen stand Kirill da, als wir ihm ein Päckchen überreichten. Behutsam löste er den Klebestreifen vom Einpackpapier, um ja nicht das Papier zu beschädigen. Sein ungläubiges Staunen, seine leuchtenden Augen, sein Strahlen über das gesamte Gesicht, als er eine Sport-Armbanduhr, übrigens um 10 Euro beim Chinesen gekauft, und ein kleines batteriebetriebenes Radio auspackte, wir hätten den kleinen weißrussischen Gast nicht glücklicher machen können. Erst da wurde uns bewusst, dass Kirill wahrscheinlich das erste Mal in seinem Leben ein persönliches Geschenk erhalten hat.“

Familie Giuliani hat sich ganz bewusst für Kirill entschieden, schließlich besteht seine Biografie aus einem einzigen weißen Blatt Papier: Eltern unbekannt, Geschwister unbekannt, sonstige Verwandte unbekannt. Selbst in Weißrussland ist nicht nachvollziehbar, wie genau der kleine Kirill im Kinderheim gelandet ist.

Die folgenden Tage genießen allesamt, wird die gemeinsame Zeit intensiv genutzt. Da das Heimleben eintönig abläuft und sich besonders im bitterkalten weißrussischen Winter großteils innerhalb der Gebäudemauern abspielt, geht Familie Giuliani so viel wie möglich raus ins Freie. Ob beim Schlittenfahren, beim Eislaufen, beim Besuch eines Streichelzoos, Kirill freut sich über jede gemeinsame Tätigkeit und ist mit Begeisterung dabei.

Eintönig wie der Tagesablauf, so eintönig ist auch das Heimessen. Fleisch, Nudel- oder Reisgerichte, frische Salate und leckere Desserts stehen nicht auf der Speisekarte. Daher ist es umso wichtiger, die Heimkinder während ihres Gastaufenthalts abwechslungsreich und nahrhaft zu ernähren. „So schnell können wir oft gar nicht schauen, wie Kirill besonders in den ersten Tagen sein Teller leerisst“, lacht Margot Giuliani. „Ich erinnere mich noch gut, als ich das erste Mal eine kalte Platte auf den Tisch stellte. Wir hatten noch nicht einmal unsere Gabeln in der Hand, da war die Platte schon halb leer, hatte Kirill bereits den Großteil der sich darauf befindenden Wurst, Salami, Speck usw. in seinen Bauch gestopft. Brot und Käse dagegen blieben unberührt.“

Nach einem spannenden intensiven Tag fällt der kleine weißrussische Gast immer gerne ins Bett. Er liebt es, wenn die Südtiroler „Mama“ oder der Südtiroler „Papa“ sich dann an die Bettkante setzen, sein Köpfchen streicheln und ihm einen Gute-Nacht-Kuss auf die Wange drücken. Für solch wichtige Zärtlichkeiten ist im Kinderheim selbst natürlich keine Zeit.

Trotz der glücklichen Zeit in Südtirol, freuen sich die Waisenkinder wieder auf ihre Heimreise. Für uns mag das befremdlich wirken, aber das Waisenhaus ist nun mal ihr Zuhause, die Heimkinder ihre Freunde, Weißrussland ihr Heimatland, in dem sie ihre Sprache sprechen können. Außerdem erfüllt es sie mit Stolz, im Heim von den Südtiroler Abenteuern erzählen zu können. Vor allem aber wissen die Gastkinder, dass sie auch im nächsten Jahr wieder „ihre“ Südtiroler Familie besuchen dürfen.

„Seit Kirill mit uns Weihnachten feiert, hat das Fest für uns eine ganz andere Bedeutung“, erzählt Margot Giuliani. „Wir haben keinen Stress mehr mit Geschenke besorgen, freuen uns schon lange vorher auf Kirill und rätseln, wie groß er in der Zwischenzeit wohl geworden ist bzw. ob er sich verändert hat. Über die vorweihnachtliche Hektik können wir nur schmunzeln – das Einzige, worüber wir uns in der Adventszeit den Kopf zerbrechen, ist, was wir mit Kirill während seines Aufenthalts alles unternehmen wollen.“

Die größte Freude ist, einen anderen Menschen glücklich zu machen. Advent, die besinnliche Zeit, Weihnachten, das Fest der Liebe und der Freude, bei Familie Giuliani ist dies Wirklichkeit.